Weihnachtsgedicht: "Der Weihnachtskarpfen"

Den Karpfen für die Weihnachtsfeier, 
Den ziehen wir im eignen Weiher. 
Beizeiten lohnt es sich deswegen, 
Sich einen Setzling zuzulegen. 
Zur Weihnacht wird er filetiert, 
Wenn ihm bis dahin nichts passiert. 
Wir waren voller Zuversicht, 
Denn Karpfen hatten wir noch nicht. 

Es saß ein Kormoran gespannt 
Im Garten dort am Wasserrand, 
Bereit zu tauchen und beim Fischen 
Den Karpfensetzling zu erwischen. 
Wir mussten ihn an vielen Tagen 
Von unsrem Gartenteich verjagen. 
"Weg," schrieen wir, "Du Bösewicht, 
Nein, unsren Karpfen kriegst Du nicht!" 

Bis Nachbars Katze ihn entdeckte 
 Und lüstern ihre Pfoten leckte. 
Drum gab es jeden Tag von Mutter 
Ne extra Dose Katzenfutter. 
So vollgefressen und gemästet 
 Hat sie das Fischen nie getestet. 
Wir sagten zu dem Fellgesicht: 
"Auch Du kriegst unsren Karpfen nicht!" 

Doch eines Tages kam ein Dieb, 
Den Hunger in den Garten trieb. 
Der trat zum Teich mit Fischernetzen, 
Um unsrem Karpfen zuzusetzen. 
Er tat sich aber ziemlich schwer, 
Der Karpfen setzte sich zur wehr, 
Verschwand dann in der Modderschicht 
Und blubberte: "Du kriegst mich nicht!" 

Es hatte, als die Weihnacht kam 
Der Petrus einen andren Plan: 
"Ich lass es frieren, dass es beißt 
Und Euer Gartenteich vereist. 
Der Karpfen ist in Sicherheit, 
Für Euer Essen tut's mit leid. 
Sucht Euch ein anderes Gericht, 
Den Karpfen kriegt Ihr erstmal nicht!" 

Im Frühjahr endlich, nach der Panne, 
Kam unser Karpfen in die Wanne. 
Da schwamm er nämlich, um zu wässern, 
Und sich geschmacklich zu verbessern. 
Die Kinder ließen ihre Puppen, 
Verliebten sich in seine Schuppen. 
Sie sagten (und das hat Gewicht): 
Wir essen unsre Freunde nicht! 

Drum zog er wieder in den Garten 
Um hier sein Leben neu zu starten. 
Er kann sich endlich selbst gehören. 
Und wenn wir ihn auch manchmal stören, 
Mit unsren baumelnd nackten Füssen, 
Dann nur, um freundschaftlich zu grüssen. 
Ich schrieb ihm lieber dies Gedicht. 
Und Karpfen gab es seither nicht. 

(Autor: Horst Scherhaus)