Weihnachtsgeschichte zum ausdrucken & vorlesen

"Weihnachtszauber mit Opa Fred"

Ein modernes Weihnachtsmärchen!

 
TEIL 1:

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23. Dezember:  
Auf dem Weg nach Haus sitzt er gedankenverloren am Steuer seines Wagens.
 
Normalerweise ist Axel am Heiligabend zu Hause. Mit seiner Frau Simone und seinem siebenjährigen Sohn Julius schmückt er am Vormittag den Weihnachtsbaum und am Abend gehen sie gemeinsam in die Kirche. Danach ist Bescherung. Axel liebt diese weihnachtlichen Rituale mit seiner Familie und den damit einhergehenden Abstand zum Arbeitsalltag. In diesem Jahr wird aber alles anders sein.


Axel muss ausgerechnet am 24. Dezember zu einer wichtigen Besprechung nach Hamburg. Sein Chef sagt, von diesem Termin hängt die Zukunft der Firma ab. Nur Axel mit seiner fachlichen Kompetenz könne den so überlebenswichtigen Auftrag an Land ziehen. Der Geschäftspartner aus Tokio ist über die Weihnachtstage in der Hansestadt und nur am 24. zu einem Treffen in seinem Hotel bereit. Sollte der Termin platzen und es nicht zu diesem Auftrag kommen, wird sein Chef Insolvenz anmelden müssen. In Zwickau wird es schwer sein, einen neuen Job zu finden, mit dem er das Geld für seine Familie verdienen könnte, denkt Axel. Die verdammten Schulden für das Haus liegen in dem Moment noch schwerer auf seinen Schultern, als sie es sowieso schon tun. Und außerdem ist das Haus noch immer nicht ganz fertig.

Wie wird Simone reagieren, wenn er gleich nach Hause kommt und ihr sagt, dass sein Zug in drei Stunden geht und er morgen nicht da sein wird. Derzeit läuft es eh etwas holprig in ihrer Beziehung, da Axel ständig für die Firma unterwegs ist. 
Julius kommt erst am Abend von einer Geburtstagsparty seines Schulfreundes Benjamin zurück. Wie groß wird die Enttäuschung bei seinem Sohn sein, der schon seit Tagen von nichts anderem spricht, als seine neue Idee, den Baum zu schmücken - und Papa ist nicht da? Axel bricht das Herz bei diesen Gedanken.

"Hallo Axel, was machst denn Du schon so früh hier" fragt Simone erstaunt, als er zur Tür rein kommt. "Hallo Schatz ..." erwidert Axel " ... ich kann leider nicht lange bleiben. Ich muss gleich wieder los ... und ..." er macht eine Pause und überlegt, wie er ihr die Nachricht beibringt. "... ich muss nachher mit dem Zug nach Hamburg. Es geht leider nicht anders. Die Firma, weißt du ... wenn ich es nicht mache, bin ich meinen Job los." Sie schaut ihn niedergeschlagen an "Wann bist Du wieder hier?" Axel bringt es kaum über die Lippen "Frühestens am ersten Weihnachtsfeiertag kann ich zurück sein ... tut mir Leid" Simone kann es kaum glauben, was sie da hört. "Du hast es Julius mit dem Baum versprochen und außerdem wolltest Du heute noch dieses Geschenk besorgen, von dem du gesprochen hast! ... Was ist eigentlich passiert?" Axel erzählt ihr, wie es um die Firma steht und er der einzige Ausweg für den Chef ist, sie zu retten. 

 "Ich muss jetzt packen" sagt er mit leiser Stimme. Simone weiß, wie wichtig das familiäre Weihnachten für ihn ist und dass er es hasst, seinem Sohn gegenüber ein Versprechen nicht halten zu können. "Kann ich dir helfen?" fragt sie und streicht Axel dabei mit der Hand über die Wange. "Nein, Danke." sagt er und geht weg.

Der Koffer steht gepackt im Flur. Axel sucht noch einige wichtige Unterlagen für seinen bevorstehenden Termin zusammen. Er nimmt seinen Laptop und greift in der Hektik zum falschen USB Stick auf dem Tisch in seinem Arbeitszimmer. Der gleichaussehende mit der Standardpräsentation für das aktuelle Projekt liegt unter dem Teddy, den Julius gestern Abend beim Gute Nacht sagen dort hat liegen lassen. 

Axel zieht Schuhe und Mantel an und gibt Simone einen Kuss "Tschüss. Ich melde mich, wenn ich in Hamburg bin. Ich erkläre es Julius dann am Telefon." Er geht aus der Tür und steigt ins Taxi, Richtung Bahnhof ...

TEIL 2:
Simone steht am Fenster und schaut dem Taxi hinterher. Es tut ihr in der Seele weh, ihren Mann so müde und traurig zu sehen und ihm nicht helfen zu können.
Auch neun Jahre nach ihrer Hochzeit liebt sie Axel noch genauso wie am ersten Tag. Axel, diesen fröhlichen und aufgeschlossenen Mann - und laut Julius "der weltbeste Vater von allen Vätern, die Einmeterzweiundneunzigkommaachtzentimeter groß sind". Und von all denen, die kleiner waren auch, pflegten Axel und Simone zu ergänzen.

Simone lacht leise. So ist er, ihr Axel. Eigentlich.

Eigentlich ...
"Ein schweres Jahr ist das, ein so verdammt schweres Jahr ist das", seufzt Simone und schaut auf das Foto mit dem blauen Rahmen, das auf dem Schreibtisch am Fenster steht.
"Die Sorgen in der Firma, die Schulden für das Haus...", sagt Simone zu dem kleinen dicken Mann mit dem weißen Pepitahütchen und den zitronengelben Bermudashorts auf dem Foto. "Mensch, Opa Fred, du fehlst an allen Ecken und Enden." Simone nimmt das Foto in die Hand und wirft dem kleinen dicken Mann darauf ein Küsschen zu.

Eine Autohupe lässt Simone aufschrecken. Sie schaut aus dem Fenster. Gerade ist Steffi, Benjamins Mutter mit dem Auto vorgefahren und Julius springt aus dem Auto. Steffi hupt noch einmal, bevor sie losfährt. Benjamin winkt mit beiden Händen aus dem Autofenster. Julius läuft rückwärts die Auffahrt hoch, winkt mit einer Hand, in der anderen hält er einen rotweißgrünblaugelb gestreiften Riesenlolli, den er lachend abschleckt. 

"Oh Gott, wann und wie bringe ich Julius bei, dass wir nicht nur den Weihnachtsbaum alleine schmücken müssen, sondern dass sein Vater auch am Heiligabend arbeiten muss, in Hamburg ...", denkt Simone.

Zur gleichen Zeit, ein paar Kilometer weiter im Bahnhof Zwickau, steigt Axel schweren Herzens in den Intercity nach Hamburg. "Von wegen Fest der Liebe und Fest der Familie ... Armer Julius, arme Simone", seufzt Axel und schaut aus dem Zugfenster hinaus in die Dunkelheit. Während er auf der Fahrt traurig seinen Gedanken nachhängt, tut sich im Wohnzimmer der Familie Ungeheuerliches ...

Das blaugerahmte Foto auf dem Schreibtisch am Fenster fängt an zu wackeln. Von links nach rechts, von rechts nach links.

"Neeeein, du kannst nicht an der Seite rausgehen! Das geht nicht! Du musst mit dem rechten Bein über den unteren Rahmen steigen", hört man eine Stimme aus dem Bilderrahmen flüstern. Und ... Was ist das?! Der kleine dicke Mann auf dem Foto bewegt sich und zeigt auf seine Beine: "Meine Beine sind zu kurz, da komme ich nicht drüber!" "Doch das geht, versuch´s nochmal", flüstert die Stimme. "Du hast gut reden!" sagt der kleine dicke Mann auf dem Foto und schaut dabei über sich in den Himmel. "Du kannst fliegen, du kleiner Weihnachtsengel." "Ach, Opa Fred, komm, probier´s nochmal. Denk dran: Deine Familie braucht dich!" flüstert die Stimme.
Der kleine dicke Mann hebt das rechte Bein und schafft es tatsächlich, mit dem rechten Bein über den Bilderrahmen aus dem Foto herauszusteigen. Mit Schwung holt er das linke Bein hinterher. Der kleine dicke Mann schaut sich ungläubig um: Da steht er nun ... In Fotogröße, leibhaftig und lebendig. Mitten auf der Schreibtischplatte: Opa Fred. Mit weißem Pepitahut, in gelben Bermudashorts, mit kugelrundem, braungebranntem Bauch. 

Gerade will er laut "Jiiipie!" brüllen, da werden draußen im Flur Stimmen laut.
Simone und Julius ...


TEIL 3:
"Mama, der Geburtstag war echt sooo klasse und Benjamin hat sich zu Weihnachten auch eine Modelleisenbahn gewünscht wie ich, aber meine wird viel größer sein, denn Paps hat mir versprochen, dass ich die größte und schönste Eisenbahn bekomme!" Simone wurde es ganz heiß, nicht nur, dass sie ihm die Misere mit Axels Dienstreise beichten musste, ihr lieber Gatte wollte eigentlich diese Modelleisenbahn besorgen. Die Betonung lag auf wollte und eigentlich ... Aber wie so oft in letzter Zeit würde dies auch wieder an ihr hängen bleiben. Wo sollte sie am Tag vor Heiligabend noch eine Modelleisenbahn herbekommen? Ein tiefer Seufzer entwich ihr. Julius schaute sie besorgt an. "Mami, was ist denn los?" "Ach Julius, ich habe ein bisschen Kopfschmerzen, mach Dir keine Sorgen." Simone schaffte es einfach nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. "Leg dich doch ein wenig hin, ich werde auch ganz leise sein, versprochen!"

Sie gab ihrem Sohn einen dicken Kuss und wuschelte ihm die Haare. Wie immer putzte er sich den Mund ab, denn küssen war echt ekelig, dann verschwand er fröhlich pfeifend in seinem Zimmer. Simone blickte auf die Uhr. Gute vier Stunden würde Axel noch im Zug sitzen und dann würde er anrufen. Armer Julius. Sie wurde schrecklich wütend. Warum war alles so ungerecht? Hatte dieser Mensch aus Tokio kein Herz für Familien? Tränen bahnten sich ihren Weg und sie konnte und wollte sie nicht aufhalten.

Da hörte sie eine leise Stimme, die sie an Opa Fred erinnerte. "Simone, Liebes, nicht weinen. Alles wird gut! Wir finden eine Lösung!" Was war denn das? Drehte sie jetzt völlig durch? Simone wischte die Tränen ab und schaute sich um. Nein, sie war allein und Opa Fred war seit dem Sommer leider nicht mehr unter ihnen. "Schau doch mal nach unten, hier bin ich. Ich lasse meine Familie doch nicht im Stich!" Simone blickte auf den Boden und musste nach Luft schnappen. Nein! Das konnte nicht sein, sie verlor tatsächlich den Verstand. Wie sonst sollte Opa Fred in Fotogröße vor ihr stehen und sie liebevoll anlächeln? Sie merkte noch, wie sie langsam zu Boden sackte, dann wurde alles schwarz ...

Opa Fred hatte sich so über seine neu gewonnene Freiheit gefreut und nun lag seine geliebte Tochter ohnmächtig vor ihm. "Eieieiei, was habe ich denn da wieder angerichtet?" Aufgeregt tippelte er hin und her, krabbelte an ihre Augen, um die Lider zu heben. Keine Reaktion. Er tätschelte ihre Wangen. Nichts. Weiter zum Ohr. "HAAAALLLLOOOO SIMOOOOOONEEEEE!!!" Da! Sie bewegte die Augen, halleluja.

... Währenddessen saß Axel nichts ahnend im Zug. Die Städte sausten an ihm vorbei. Viele Fahrgäste kamen mit Geschenken beladen in die Bahn, um heim zu ihren Lieben zu reisen. Wie er diese Menschen doch beneidete. Die Landschaft war mit einer leichten Schneeschicht überzogen und überall brannten die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung. Die Tür zu seinem Abteil wurde geöffnet und ein asiatisch aussehender Mann kam herein. Da Axel allein in seinem Abteil saß, störte es ihn nicht. So würde er vielleicht von seinen trüben Gedanken abgelenkt. "Fahren Sie auch nach Hause?" fragte der Asiate höflich in fast perfektem deutsch. Axel schüttelte traurig den Kopf. "Nein, ich muss geschäftlich nach Hamburg.
"Ah, dann haben wir ja denselben Weg. Ungewöhnlich, dass sie an diesen Tagen geschäftlich zu tun haben. In Japan sind diese deutschen Weihnachtstage ganz normale Arbeitstage und erst zu Neujahr wird gefeiert. Da werde ich dann auch nach Hause fliegen."
"Dieser Termin ist sehr wichtig, der wichtigste überhaubt. Es hängt alles davon ab. Aber ich möchte sie nicht damit belästigen."
"Sie belästigen mich nicht, so eine Zugfahrt ist immer recht langweilig und ich habe nichts anderes zu tun." ...

"Opa Fred???? Das kann doch nicht wahr sein! Was machst du denn hier? Und wie schaust Du denn aus?" Simone wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Was passierte hier? "Meine Liebe, der Weihnachtsengel konnte deine Verzweiflung nicht mehr mit ansehen und hat mich zur Verstärkung geschickt. Mach dir keine Sorgen, wir bekommen das hin. Wäre doch gelacht!"

Er hatte zwar noch keine Ahnung wie, aber wenn er aus dem Bilderrahmen auferstehen konnte, dann würde es wohl nicht so schwierig sein, die Familie an Heiligabend zusammen zu bekommen ...

TEIL 4:  
Nun ja“…, sagt Axel zu seinem Gegenüber „…es ist nämlich so, dass ich gerne bei meiner Familie wäre um mit ihnen Weihnachten zu feiern. Ich habe meinem Sohn Julius versprochen, dass ich morgen mit ihm zusammen den Weihnachtsbaum schmücke. Und zu allem Übel habe ich es noch nicht einmal geschafft, sein Weihnachtsgeschenk zu besorgen. Er wird sehr enttäuscht sein, dass ich nicht da bin. Gerade dieses Weihnachten wollte ich es meinen Lieben Zuhause besonders schön machen, da wir ein sehr schweres Jahr hinter uns haben.“ Der Asiate hört aufmerksam zu. 
Mein Schwiegervater ist diesen Sommer gestorben und Julius hatte ein besonders inniges Verhältnis zu ihm und auch meine Frau leidet noch immer sehr unter diesem Verlust. Aber der Geschäftstermin in Hamburg ist einfach zu wichtig“. Er ist den Tränen nahe und blickt lieber schnell aus dem Fenster, für den Fall, dass sich doch eine unterdrückte Träne ihren Weg über die Wange bahnen sollte. Inzwischen hat es wieder zu schneien begonnen und der Schnee glitzert im Mondlicht.

Unterdessen Zuhause kann Simone es immer noch nicht fassen. Vor ihr steht leibhaftig ihr Vater, in einer naja…, geschrumpften Version. Während sie ihn immer noch ungläubig anblickt, sagt er „Simone, ich habe zwar noch keinen konkreten Plan, aber wir gehen jetzt Schritt für Schritt vor. Als erstes kümmere ich mich um Julius Modelleisenbahn, denn schließlich weiß ich als Lokführer genau worauf es dabei ankommt. Ich werde den Weihnachtsengel bitten, mir zu helfen. Du bleibst bei meinem Enkel und wenn er aufwacht, dann...“ 


Mama? Maaaamaaaa!“ Oh je… Julius kommt bereits die Treppe herunter. „Es ist besser, wenn er mich nicht sieht“, sagt Opa Fred, “ich bin dann mal weg…“ flüstert er und verschwindet. Julius ist Feuer und Flamme. Ihm ist gerade etwas extrem Wichtiges wegen Weihnachten eingefallen, was er unbedingt hier und jetzt mit seinem Papa besprechen muss und wedelt bereits mit Mamas Handy in der Hand. „So etwas duldet keinen Aufschub“, meint er und drückt die eingespeicherte Nummer seines Vaters.

Plötzlich klingelt Axels Handy. „Julius? Ist etwas passiert?“ Axel wirkt angespannt. „Nein das geht leider nicht. Nein wirklich nicht. Julius, was ich Dir jetzt sage tut mir wirklich sehr leid, aber ich kann morgen den Tannenbaum nicht mit Dir schmücken. Ich bin beruflich auf dem Weg nach Hamburg. Ich weiß, ich hatte es versprochen. Nein wenn der Weihnachtsmann kommt, bin ich leider auch nicht mit dabei…, bitte nicht weinen. Ich mache es wieder gut. Julius…? Julius…?“ Funkloch…! Oder hat Julius aufgelegt? Axel wirkt nachdenklich. Irgendwie fröstelt es ihn, obwohl der Thermostat im Abteil nahezu 30 Grad anzeigt.

Das ist ja wirklich traurig…“, entgegnet der Asiate „und bis morgen schaffen Sie es nicht nach Hause?“. Axel schüttelt den Kopf.
Wenn Sie möchten, lassen Sie uns doch heute zusammen in Hamburg zu Abend essen. Ich bin das ganze Jahr über viel in der Welt unterwegs und sehe meine Familie nur selten und würde mich über etwas Gesellschaft sehr freuen. Außerdem habe ich das Gefühl, sie könnten auch etwas Ablenkung gebrauchen. 
Ja, sehr gerne…“ erwidert Axel. Es wird ruhig im Abteil. Leise hört man nur wie der Zug über die Schienen gleitet.  Dann beginnt der Asiate wieder. „Ich habe schon viel über die Weihnachtsfeste hierzulande gehört und bin wirklich sehr beeindruckt davon. Leider habe ich so ein richtiges Weihnachtsfest noch nicht erleben dürfen. Das wäre nochmal ein Wunsch von mir, dann hätte ich meiner Familie viel zu erzählen, wenn ich von meinen langen Reisen heimkomme. Übrigens, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt“, sagt der Asiate und streckt Axel die Hand hin. „Mein Name ist Kaito Wu“ und lächelt. Axel stutzt und gibt ihm die Hand. Kaito Wu? Dann sind sie mit mir in Hamburg verabredet! Axel Sommer ist mein Name“.
 

Die beiden Männer blicken sich wortlos an. „Es tut mir sehr leid, dass sie wegen unseres morgigen Termins so in Not geraten sind, aber mir war leider ein anderer Termin nicht möglich.“ Nach einer kurzen Zeit der Überlegung macht Mr. Wu ihm einen Vorschlag. „Wir haben bis Hamburg noch 2 Stunden. Fangen wir doch jetzt schon einmal an und machen ansonsten nach unserem Abendessen weiter. Ich habe zwar nachher noch einen weiteren Termin vor dem Essen, aber der dauert nicht lange. Vielleicht können Sie somit doch noch rechtzeitig zu Weihnachten zu ihrer Familie zurückfahren“ 
Das ist sehr nett von ihnen, Mr. Wu. Das werde ich Ihnen nie vergessen!“.  Axel greift in Windeseile zu seinem Laptop, fährt ihn hoch, steckt den USB-Stick ein und… „WAS IST DAS? Wo ist denn die Präsentation?“ fragt er schockiert. „Hier sind nur die Fotos aus unserem letzten Urlaub gespeichert“, stellt er niedergeschlagen fest. „Oh nein, ich habe in der Eile den verkehrten USB-Stick eingesteckt. Was machen wir denn jetzt bloß ohne die Präsentation. Ich rufe meine Frau über das Handy an und bitte sie, mir die Präsentation per E-Mail zukommen zu lassen.“ Doch das Telefonat lässt die Hoffnung auf eine frühzeitige Heimkehr wie eine Seifenblase zerplatzen. „Sie kann die Präsentation leider nicht mailen. Der Rechner stürzt immer wieder ab. Es war also alles umsonst…

Und auch Simone sitzt wie ein Häufchen Elend am Schreibtisch. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn Axel Heiligabend mit ihnen hätte verbringen können. Jetzt scheitert alles an einem USB-Stick! Opa Fred, der gerade wieder zur Tür hereingekommen ist und die Situation sofort erfasst hatte, lächelt.
Ich habe eine Idee“, ruft er. Er schnappt sich den Stick, der für einen so winzigen Mann ganz schön schwer ist, und rennt mit seinen kurzen kleinen Beinchen in den Flur. Man hört ihn leise flüstern und schwupp steht er wieder vor seiner Tochter. „Mach Dir keine Sorgen, mein Kind. Ruf Axel an und sage ihm, er soll in seine rechte Manteltasche schauen. Da findet er den richtigen USB-Stick. Der Weihnachtsengel hat ihm diesen eben dort zu gesteckt.“ 
Axel, der kurz darauf die Nachricht erhält, ist ziemlich verwundert. Ist er sich doch sicher, dass er diesen dort nicht finden würde, aber er tut dennoch wie ihm geheißen. Sein Blick erhellt sich schlagartig. „Ich habe ihn doch dabei“, ruft er freudestrahlend… Also, los geht’s…

Während der Zug durch die inzwischen stark verschneite Landschaft rauscht und der Mann mit dem Servierwagen schon zum zweiten Mal nachgefragt hat, ob man etwas zu essen oder zu trinken wünsche, hält Axel seine Präsentation. Dabei ist er sehr konzentriert, schildert das Angebot seiner Firma in allen Einzelheiten. Herr Wu hört aufmerksam zu. Ab und zu nickt er kurz, dann wiederum verzieht er keine Miene. 

Wenn ich doch nur wüsste, was er denkt“, fragt sich Axel. Mit dem Eintreffen der Bahn in Hamburg schließt Axel seinen Vortrag. Er blickt Mr. Wu erwartungsvoll an. 
Doch in dem Moment klingelt das Handy von Mr. Wu. „Wu…!? Aha, okay… Das ist aber sehr ärgerlich. Und da kann man nichts machen? Und ein Ausweichhotel? Messe ich verstehe. Bye“. Mr. Wu blickt auf einmal sehr ernst. „Das Hotel, in dem die Sekretärin die Zimmer für uns gebucht hat, hat eine Überbuchung für die nächste Nacht. Wir haben für heute kein Zimmer!“ Beide blicken ratlos drein. Was sollen Sie jetzt tun? „Ich muss mir ihr Angebot in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Ich habe auch noch einige Fragen dazu. Leider muss ich jetzt erst einmal zu meinem Termin.“ Auch in Hamburg ist inzwischen alles weiß! Und selbst jetzt, wo sie den Zug verlassen, fallen dicke Flocken vom Himmel. Es ist mittlerweile bitterkalt geworden.

Haben Sie morgen und übermorgen noch weitere Termine?“ fragt Axel. „In der Tat. Ich habe am 25.12. nachmittags in Hamburg einen Termin, wieso?“. 

Axel fasst sich ein Herz. „Wenn sie gerne einmal ein deutsches Weihnachtsfest erleben möchten, was halten Sie davon, wenn wir nach Ihrem Termin heute Abend gemeinsam mit dem Nachtzug zurückfahren?  Ein Zimmer bekommen wir hier heute Nacht eh nicht mehr. Ihre Fragen klären wir einfach auf der Rückfahrt und anschließend lade ich Sie herzlich ein, das Weihnachtsfest mit uns zu verbringen. Am 1. Weihnachtstag würde ich sie morgens zum Zug bringen und sie schaffen es problemlos zu Ihrem Termin. 
Mr. Wus Augen fangen an zu leuchten. „Meinen sie das ehrlich? Sie laden mich ein, mit ihrer Familie Weihnachten zu feiern? Axel nickt hoffnungsvoll. 
Sehr gerne“, nickt Mr. Wu. Und schließt dabei kurz die Augen. Anschließend trennen sich erst einmal ihre beiden Wege. Axel ruft Simone an, und erzählt ihr, was vorgefallen ist. „Aber bitte erzähle Julius noch nichts davon. Es soll eine Überraschung werden“ sagt er. 
Das mache ich. Übrigens, der Weihnachtsmann hat sich um eine wunderschöne Modelleisenbahn für Julius gekümmert“, sagt sie. Ihre Worte „Der Weihnachtsmann habe das Geschenk besorgt“ sind wohl überlegt. Würde sich Axel doch ernsthafte Sorgen machen, wenn Sie ihm von Opa Freds Hilfe erzählen würde.

3 Stunden später sitzen Axel und Mr. Wu bereits wieder im Zug und haben wieder ihr Abteil für sich allein. Glücklich schaut Axel auf eine vor ihm stehende Plastiktüte. Hatte er den Aufenthalt doch nutzen können um in allerletzter Sekunde eine wunderschöne Kette mit Gravur für Simone kaufen zu können, denn auch das hatte er in dem ganzen Stress der letzten Tage nicht geschafft. Jetzt wird es doch noch ein unvergessliches Fest, hofft er.
Auch Mr. Wu grinst vergnügt vor sich hin, als er auf sein mitgebrachtes Paket schaut. „Was da wohl drin ist“, fragt sich Axel neugierig… Irgendwie blickt Mr. Wu schelmisch drein, findet er. Dann widmen sich die beiden Herren wieder den geschäftlichen Dingen.

Zur gleichen Zeit in Zwickau bekommt Opa Fred Besuch. „Ich muss Dich sprechen“, sagt der Weihnachtsengel „Es gibt Probleme und nur Du kannst helfen. Du musst…, warte! Ich erzähle Dir das alles auf dem Weg,… Komm mit…

In einem stillgelegten Bahnhof, kommt der Zug außerplanmäßig zum Stehen. Irgendwie will es gar nicht mehr weitergehen. Gefühlte 60 Minuten wartet der Zug auf seine Weiterfahrt, als schließlich die Durchsage kommt, dass aufgrund von eingefrorenen Oberleitungen die Zugfahrt für heute hier enden muss. „Das darf doch nicht wahr sein
, sagt Axel, steht auf und schaut aus dem Fenster auf einen recht verlassen aussehendes Dorf. In keinem der Häuser brennt mehr Licht! Plötzlich ruckelt der Zug. Es quietsch und poltert. Axel fällt zurück auf seinen Sitz. Gut, dass er sich gerade noch an einem Griff hatte festhalten können, sonst hätte er sich mit Sicherheit verletzt. Die Lampen im Abteil fangen zu flackern an und die Temperatur steigt schlagartig. Verstört schauen sich die beiden Männer an. „Was ist das?“ fragt Mr. Wu. 

Plötzlich nimmt der Zug Fahrt auf. Er schaukelt nach rechts und nach links, dann nach oben und nach unten und alles fängt kräftig an zu wackeln. Axel traut seinen Augen kaum, als er sich am Griff hochzieht und wieder aus dem Fenster blickt. „Unser Zug fliegt!!!!“ Axel verlässt das Abteil und hangelt sich durch den Gang bis hin zum Anfang des Wagons. Der Zug ist komplett leer, nimmt er fassungslos wahr. Da wo vorhin beim Einsteigen noch überall Menschen saßen, waren nur noch verwaiste Sitzplätze! Durch ein Fenster in der Tür der Zugmaschine kann er direkt bis in den Führerstand der Lok sehen. Würde ich es nicht besser wissen, dann würde ich denken, der Lokführer ist mein Schwiegervater, so wie er zu Lebzeiten sein Brot mit diesem Beruf verdient hat. Axel sinkt, überwältigt von den Eindrücken, ohnmächtig zu Boden.Es klingelt ruft Julius am Vormittag seiner Mutter zu. Julius läuft zum Fenster und schaut nach draußen zur Haustür. „Paaaaaaaaaaapaaaaaaaaaa“ ertönt Julius Stimme „Papa ist doch noch rechtzeitig gekommen“. Er rennt jubelnd zur Tür, reißt sie auf und springt seinem Vater in die Arme. Simone, die inzwischen auch an der Tür angekommen ist, lächelt und heißt beide Männer herzlich willkommen. „Wie schön, dass Du es doch noch rechtzeitig geschafft hast, flüstert sie Axel zu“.

Danach widmen sich alle, Mr. Wu eingeschlossen, fröhlich dem Schmücken des Tannenbaums. Julius hatte zu diesem Anlass und zum Gedenken an seinen geliebten Opa extra kleine Eisenbahnwagons gebastelt, die er an einem Faden baumelnd an den Tannenbaum hängt.  Anschließend wurde gekocht, gelacht und sich ausgetauscht. Abends gehen Simone und Axel zusammen mit Julius in die Kirche. Mr. Wu hatte sie mit den Worten verabschiedet, noch etwas vor zu haben. Als sie wieder kommen, brennen die Kerzen am Tannenbaum und das entzündete Feuer im Kamin sorgt für eine wohlige Wärme. „Der Weihnachtsmann“ schrie Julius mit weit aufgerissenen Augen. Und in der Tat. Vor dem geschmückten Baum stand ein Weihnachtsmann mit einem weißen langen Bart und einem Jutesack auf dem Rücken und… mit mandelförmigen Augen. Axel schmunzelte. Jetzt weiß er, was Mr. Wu in seinem Paket hatte, das Weihnachtsmannkostüm.

Ho Ho Ho…“, sagt der Weihnachtsmann und übergibt Julius seine Geschenke. „Aber auch für Deine Eltern habe ich ein Weihnachtsgeschenk. Ich soll von Mr. Wu ausrichten, dass er in die Firma investieren wird. Wenn eine Firma so flexible und engagierte Mitarbeiter wie sie hat“ und schaut Axel dabei an, „und die bereit sind, so große Opfer zu bringen wie sie es getan haben, dann ist mein Geld mit Sicherheit gut angelegt. Sagen Sie Ihrem Chef, er soll Mr. Wu nächste Woche anrufen!“ und lächelt dabei.

Axel zieht Simone ganz nah an sich heran und flüstert ihr ins Ohr „Jetzt wird alles gut, frohe Weihnachten mein Schatz!“ und gibt ihr verbunden mit einem Kuss sein Geschenk. Simones Augen leuchten „Eine Kette, mit unseren eingravierten Initialen, nein wie schön“. Julius unterbrach diesen Moment mit einem fröhlichen Glucksen. Er war gerade dabei seine Modelleisenbahn auszupacken und eine der Figuren, nämlich der Zugführer, sah aus wie… ja wie „Opa Fred“, ruft Julius. Diese Figur hatte sein Großvater der Modelleisenbahn extra noch als Erinnerung für Julius hinzugefügt.


Was für ein schönes Weihnachtsfest“ sagt Simone. Axel und Mr. Wu stimmen ihr zu.
Opa Fred und der Weihnachtsengel, die das ganze Spektakel aus sicherer Entfernung beobachten lächeln zufrieden. „Fröhliche Weihnachten, meine Kinder, vergesst nicht, ich werde immer bei Euch sein“, sagt Opa Fred kaum hörbar und verabschiedet sich mit diesen Worten von seiner Familie, während er wieder in den Bilderrahmen zurücksteigt.


Doch wenn man jetzt ganz genau hinsieht, dann lächelt Opa Fred sogar noch ein bisschen mehr.


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Autoren: 
Teil 1: CPH Hotels
Teil 2: Greta Jakob
Teil 3: Patricia Lindinger
Teil 4: Annica Tölke

Mit diesem wunderbaren 4. Teil geht nun unsere Weihnachts-Mitmach-Aktion 2015 zu Ende. Viele haben sich die Zeit genommen und uns ihre Texte für dieses moderne Weihnachtsmärchen zugesandt. Wir waren sehr beeindruckt von dem Engagement der Teilnehmer. Vielen Dank an ALLE, die sich die Mühe gemacht haben, an dieser neu entstandenen Geschichte mitzuwirken. Wir hoffen, dass alle die diese Weihnachtsgeschichte vorlesen, gefallen daran haben ... 
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Wir, das Team der CPH Hotels, wünschen damit eine schöne Adventszeit und ein ruhiges und besinnliches Weihnachtsfest. 

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